Publiziert von: Oliver Stens
Bereitgestellt: 18.10.2026
In der Lesung aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 8,7–18) erinnert Mose das Volk Israel daran, dass Wohlstand und die Früchte menschlicher Arbeit nicht selbstverständlich sind. Er mahnt, Gott als Ursprung aller guten Gaben nicht zu vergessen. Das Evangelium von der wunderbaren Brotvermehrung (Joh 6,1–15) zeigt, wie aus fünf Broten und zwei Fischen Nahrung für Tausende wird. Beide Schrifttexte laden uns ein, dankbar mit den Gaben der Schöpfung umzugehen, miteinander zu teilen und füreinander einzustehen.
von Oliver Stens,
Liebe Mitglieder der Sennengesellschaft und der Sennenbruderschaft, liebe Schwestern und Brüder!
Es ist mir eine besondere Freude und vor allem eine Ehre, heute anlässlich der traditionellen Sennenchilbi die Festpredigt halten zu dürfen.
Die Sennenchilbi ist ja weit mehr als ein gewöhnlicher Sonntag. Sie ist Ausdruck einer langen Tradition, die eng mit Gersau, seinen Menschen, seiner Landschaft und seiner Geschichte verbunden ist. Und sie erinnert uns an etwas, das heute keineswegs mehr selbstverständlich ist: an die Verbundenheit mit der Natur, an die Wertschätzung menschlicher Arbeit und an den Zusammenhalt einer Gemeinschaft.
Wenn wir heute auf die Erntegaben vor unserem Altar schauen, sehen wir zunächst die Früchte unserer Erde. Aber eigentlich sehen wir noch viel mehr dahinter. Wir sehen die Arbeit von Menschen, die früh am Morgen aufstehen, bei Wind und Wetter draussen sind, ihre Tiere versorgen, ihre Wiesen bewirtschaften und dafür sorgen, dass wir täglich etwas auf unserem Tisch haben.
Wir sehen aber auch etwas, das kein Mensch selbst herstellen kann: das Leben und das Wachstum. Wir können säen, pflanzen, pflegen und ernten. Aber dass aus einem kleinen Samenkorn eine Pflanze wächst, dass unsere Wiesen grünen und unsere Tiere gedeihen, das bleibt letztlich ein Geschenk.
Genau daran erinnert uns Mose in der heutigen Lesung. Er spricht zu einem Volk, das nach langen Jahren der Entbehrung endlich in einem fruchtbaren Land leben darf. Ein Land, in dem es genug zu essen gibt, in dem die Menschen Häuser bauen und ihre Herden wachsen sehen. Und mitten in dieser Beschreibung des Wohlstands steht eine eindringliche Mahnung: «Vergiss den Herrn, deinen Gott, nicht!»
Denn Mose weiss: Wenn es uns gut geht, besteht die Gefahr, dass wir alles für selbstverständlich halten und glauben, alles allein unserer eigenen Leistung zu verdanken. Natürlich ist menschliche Arbeit wichtig. Gerade unsere Bauern und Sennen wissen das besser als viele andere. Aber zur Arbeit gehört eben auch das, was wir nicht in der Hand haben: das Wetter, die Gesundheit der Tiere und das Gedeihen der Natur.
Deshalb gehört zum Erntedank auch eine gewisse Bescheidenheit. Dankbarkeit bedeutet, zu erkennen, dass nicht alles selbstverständlich ist.
Liebe Schwestern und Brüder!
Auch das Evangelium dieses Festtages erzählt uns von Menschen, die etwas zum Leben brauchen. Tausende sind Jesus gefolgt. Sie haben ihm zugehört, und irgendwann stellt sich eine ganz praktische Frage: Was sollen diese Menschen essen?
Die Jünger sehen vor allem das Problem. So viele Menschen! So wenig Brot! Das kann doch niemals reichen! Und dann taucht ein Junge auf, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische bei sich hat. Nicht gerade viel für fünftausend Menschen. Aber dieser Junge ist bereit, das Wenige, das er besitzt, zur Verfügung zu stellen. Jesus nimmt diese Gaben, spricht das Dankgebet und lässt sie verteilen. Am Ende werden alle satt.
Ich finde, in dieser Geschichte steckt eine wunderbare Botschaft: Es kommt nicht immer darauf an, wie viel wir besitzen. Entscheidend ist, was wir daraus machen und ob wir bereit sind, miteinander zu teilen.
Damit sind wir mitten in der Geschichte unserer Gersauer Sennenbruderschaft. Sie entstand in einer Zeit grosser Not, als eine Viehseuche viele Bauern und Sennen in ihrer Existenz bedrohte. Damals mussten die Menschen erfahren, wie schnell das, was man sich über Jahre aufgebaut hatte, verloren gehen konnte. Aber sie haben daraus eine bemerkenswerte Konsequenz gezogen: Sie haben sich zusammengeschlossen, um einander zu helfen. Nicht jeder nur für sich, sondern einer für den anderen.
Das war damals eine ganz konkrete Antwort auf die Herausforderungen des Lebens. Und genau darin liegt bis heute die besondere Bedeutung dieser Tradition.
Natürlich haben sich die Zeiten verändert. Unsere Landwirtschaft arbeitet mit anderen Mitteln, die Lebensbedingungen sind andere geworden. Aber die grundlegende Frage ist geblieben: Was tun wir, wenn ein anderer Mensch unsere Hilfe braucht?
Schauen wir weg? Sagen wir, dafür seien andere zuständig? Oder sind wir bereit, etwas von unserer Zeit, unserer Kraft und unseren Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen? Vielleicht ist es ein Besuch bei einem einsamen Menschen, ein Gespräch, eine helfende Hand oder ganz einfach die Bereitschaft, füreinander da zu sein.
Liebe Schwestern und Brüder!
Die Sennenchilbi ist ein Fest der Dankbarkeit und der Gemeinschaft. Wir dürfen dankbar sein für die Schönheit unserer Heimat, für unsere Alpen und Wiesen, für den See und für alles, was hier wächst und gedeiht. Wir dürfen dankbar sein für die Menschen, die mit ihrer Arbeit zum Wohl unserer Gemeinschaft beitragen. Und wir dürfen dankbar sein für jene, die über Generationen hinweg diese wertvollen Traditionen bewahrt haben.
Eine Tradition bleibt aber nur dann wirklich lebendig, wenn wir auch ihren ursprünglichen Geist bewahren: den Geist der Dankbarkeit, der Hilfsbereitschaft und des Zusammenhalts.
Wenn uns das gelingt, dann ist die Sennenchilbi nicht nur ein schönes Fest, bei dem wir uns an vergangene Zeiten erinnern. Dann hat sie auch eine wertvolle Botschaft für unsere Gegenwart und unsere Zukunft.
Deshalb wünsche ich uns allen heute vor allem eines: Dass wir nicht nur die Früchte unserer Erde miteinander teilen, sondern auch die Freude am Leben, die Sorge füreinander und die Hoffnung, die uns als Gemeinschaft verbindet.
Die Gersauer Bauern und Sennen haben uns das auf eindrückliche Weise gezeigt: Dort, wo Menschen dankbar sind und füreinander einstehen, dort kann aus wenigem etwas ganz Grosses werden.
Amen.
Es ist mir eine besondere Freude und vor allem eine Ehre, heute anlässlich der traditionellen Sennenchilbi die Festpredigt halten zu dürfen.
Die Sennenchilbi ist ja weit mehr als ein gewöhnlicher Sonntag. Sie ist Ausdruck einer langen Tradition, die eng mit Gersau, seinen Menschen, seiner Landschaft und seiner Geschichte verbunden ist. Und sie erinnert uns an etwas, das heute keineswegs mehr selbstverständlich ist: an die Verbundenheit mit der Natur, an die Wertschätzung menschlicher Arbeit und an den Zusammenhalt einer Gemeinschaft.
Wenn wir heute auf die Erntegaben vor unserem Altar schauen, sehen wir zunächst die Früchte unserer Erde. Aber eigentlich sehen wir noch viel mehr dahinter. Wir sehen die Arbeit von Menschen, die früh am Morgen aufstehen, bei Wind und Wetter draussen sind, ihre Tiere versorgen, ihre Wiesen bewirtschaften und dafür sorgen, dass wir täglich etwas auf unserem Tisch haben.
Wir sehen aber auch etwas, das kein Mensch selbst herstellen kann: das Leben und das Wachstum. Wir können säen, pflanzen, pflegen und ernten. Aber dass aus einem kleinen Samenkorn eine Pflanze wächst, dass unsere Wiesen grünen und unsere Tiere gedeihen, das bleibt letztlich ein Geschenk.
Genau daran erinnert uns Mose in der heutigen Lesung. Er spricht zu einem Volk, das nach langen Jahren der Entbehrung endlich in einem fruchtbaren Land leben darf. Ein Land, in dem es genug zu essen gibt, in dem die Menschen Häuser bauen und ihre Herden wachsen sehen. Und mitten in dieser Beschreibung des Wohlstands steht eine eindringliche Mahnung: «Vergiss den Herrn, deinen Gott, nicht!»
Denn Mose weiss: Wenn es uns gut geht, besteht die Gefahr, dass wir alles für selbstverständlich halten und glauben, alles allein unserer eigenen Leistung zu verdanken. Natürlich ist menschliche Arbeit wichtig. Gerade unsere Bauern und Sennen wissen das besser als viele andere. Aber zur Arbeit gehört eben auch das, was wir nicht in der Hand haben: das Wetter, die Gesundheit der Tiere und das Gedeihen der Natur.
Deshalb gehört zum Erntedank auch eine gewisse Bescheidenheit. Dankbarkeit bedeutet, zu erkennen, dass nicht alles selbstverständlich ist.
Liebe Schwestern und Brüder!
Auch das Evangelium dieses Festtages erzählt uns von Menschen, die etwas zum Leben brauchen. Tausende sind Jesus gefolgt. Sie haben ihm zugehört, und irgendwann stellt sich eine ganz praktische Frage: Was sollen diese Menschen essen?
Die Jünger sehen vor allem das Problem. So viele Menschen! So wenig Brot! Das kann doch niemals reichen! Und dann taucht ein Junge auf, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische bei sich hat. Nicht gerade viel für fünftausend Menschen. Aber dieser Junge ist bereit, das Wenige, das er besitzt, zur Verfügung zu stellen. Jesus nimmt diese Gaben, spricht das Dankgebet und lässt sie verteilen. Am Ende werden alle satt.
Ich finde, in dieser Geschichte steckt eine wunderbare Botschaft: Es kommt nicht immer darauf an, wie viel wir besitzen. Entscheidend ist, was wir daraus machen und ob wir bereit sind, miteinander zu teilen.
Damit sind wir mitten in der Geschichte unserer Gersauer Sennenbruderschaft. Sie entstand in einer Zeit grosser Not, als eine Viehseuche viele Bauern und Sennen in ihrer Existenz bedrohte. Damals mussten die Menschen erfahren, wie schnell das, was man sich über Jahre aufgebaut hatte, verloren gehen konnte. Aber sie haben daraus eine bemerkenswerte Konsequenz gezogen: Sie haben sich zusammengeschlossen, um einander zu helfen. Nicht jeder nur für sich, sondern einer für den anderen.
Das war damals eine ganz konkrete Antwort auf die Herausforderungen des Lebens. Und genau darin liegt bis heute die besondere Bedeutung dieser Tradition.
Natürlich haben sich die Zeiten verändert. Unsere Landwirtschaft arbeitet mit anderen Mitteln, die Lebensbedingungen sind andere geworden. Aber die grundlegende Frage ist geblieben: Was tun wir, wenn ein anderer Mensch unsere Hilfe braucht?
Schauen wir weg? Sagen wir, dafür seien andere zuständig? Oder sind wir bereit, etwas von unserer Zeit, unserer Kraft und unseren Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen? Vielleicht ist es ein Besuch bei einem einsamen Menschen, ein Gespräch, eine helfende Hand oder ganz einfach die Bereitschaft, füreinander da zu sein.
Liebe Schwestern und Brüder!
Die Sennenchilbi ist ein Fest der Dankbarkeit und der Gemeinschaft. Wir dürfen dankbar sein für die Schönheit unserer Heimat, für unsere Alpen und Wiesen, für den See und für alles, was hier wächst und gedeiht. Wir dürfen dankbar sein für die Menschen, die mit ihrer Arbeit zum Wohl unserer Gemeinschaft beitragen. Und wir dürfen dankbar sein für jene, die über Generationen hinweg diese wertvollen Traditionen bewahrt haben.
Eine Tradition bleibt aber nur dann wirklich lebendig, wenn wir auch ihren ursprünglichen Geist bewahren: den Geist der Dankbarkeit, der Hilfsbereitschaft und des Zusammenhalts.
Wenn uns das gelingt, dann ist die Sennenchilbi nicht nur ein schönes Fest, bei dem wir uns an vergangene Zeiten erinnern. Dann hat sie auch eine wertvolle Botschaft für unsere Gegenwart und unsere Zukunft.
Deshalb wünsche ich uns allen heute vor allem eines: Dass wir nicht nur die Früchte unserer Erde miteinander teilen, sondern auch die Freude am Leben, die Sorge füreinander und die Hoffnung, die uns als Gemeinschaft verbindet.
Die Gersauer Bauern und Sennen haben uns das auf eindrückliche Weise gezeigt: Dort, wo Menschen dankbar sind und füreinander einstehen, dort kann aus wenigem etwas ganz Grosses werden.
Amen.
