Archiv Spirituelle Impulse

Mehr als ein Engel

Engel sind heute sehr beliebt.
An Engel glauben auch Menschen,
die mit dem Glauben an Gott Mühe haben.

Auch ich vertraue auf die himmlischen Boten.
Ich bin dankbar für ihre Begleitung
und für ihre leisen Botschaften,
die mir die Nähe des Göttlichen mitteilen.

Aber das wäre mir doch zu wenig.
Mehr als den Briefträger schätze ich ja auch den,
der mir den lieben Brief geschrieben hat.
Mehr als nach den Boten der Liebe
sehne ich mich nach der Liebe selbst.

Darum ist Pfingsten so unendlich schön:
Feiern dürfen, dass mir nicht nur Boten der Liebe nahe sind,
sondern die Liebe selbst in mir wohnen will!
Feiern dürfen, dass die Schöpferkraft mich von innen heraus neu machen will
und mich verwandeln will in einen Ort ihrer Gegenwart.
Feiern dürfen, dass Gott nicht nur Engel schickt,
sondern sich selbst ganz und gar schenkt
und eins werden will mit mir!
Unendlich viel mehr als ein Engel!

Wer diesen Geist in sich wohnen lässt,
der bekommt Flügel aus Feuer,
der bekommt ein Herz aus Feuer.
Wer diesen Geist in sich wohnen lässt,
wird verwandelt zum Engel – zum Boten der Liebe Gottes.

Andreas Diederen – zu einem pfingstlichen Engel von Sabine Köhler-Meter

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«Was steht Ihr da und schaut zum Himmel?» – Meditation für Auffahrt
Die Erfahrung, die die Jünger an Auffahrt machen müssen, ist hart.
Jesus, der sich ihnen nach seinem Tod lebendig gezeigt hatte, wird ihren Blicken entzogen.
Jetzt müssen sie ihn wirklich loslassen.
Sie stehen da und schauen ihm nach, ratlos und verstört:
Wie soll es weitergehen, ohne ihn?

«Was steht Ihr da und schaut zum Himmel?»
So sprechen himmlische Boten die Jünger an und lösen sie aus ihrer Erstarrung.
Es gehört zur Trauer, es gehört auch zu allen anderen Situationen,
die uns aus der gewohnten Bahn werfen:
Da stehen wir zuerst und blicken dem hinterher, der gegangen ist.
Da stehen wir und möchten festhalten, was gewesen ist.
Da erstarren wir im Blick rückwärts.
Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt,
wo es notwendig wird, den Blick neu auszurichten:
Unsere innere Not kann nur gewendet werden,
wenn wir auch den Blick neu nach vorne wenden
auf das neue, veränderte Leben, das auf uns wartet.

Doch das geht nicht von allein.
Auch von den Jüngern wurde nicht erwartet,
dass sie gleich nach Auffahrt losgehen sollten,
um die gute Nachricht Jesu zu verkünden.
Sie durften, ja sie sollten zuerst warten:
auf die «Kraft von oben», den «Heiligen Geist».

Warten aber ist etwas anderes als stehen bleiben.
Warten heisst, den inneren Blick in die neue Richtung lenken:
auf die neue Kraft, die mir versprochen ist, auch wenn ich sie noch nicht spüre;
auf das neue Licht, auch wenn ich es noch nicht sehe;
auf Gottes Gegenwart, die mich neu ergreifen und erfüllen will
zum neuen Anfang, zum neuen Leben.

Warten auch wir geduldig in diesen Tagen vor Pfingsten.
Warten wir, bis Neues möglich ist in diesen Tagen der Krise.
Warten wir, bis Gott Neues anfängt mit uns.

Andreas Diederen
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Jemand, der für immer da bleibt
Meditation zum 6. Ostersonntag (Joh 14,15–21)

Jemanden haben, der mich nie allein lässt.
Jemanden haben, der mich durch und durch kennt und versteht.
Jemanden haben, der mir beisteht, egal was geschieht.
Jemanden haben, der mich unendlich liebt.
Das ist notwendig: Nur so kann die Not meines Lebens gewendet werden.

Doch ich kann ihn mir nicht herbeizaubern und herbeizwingen:
Den, der immer bei mir bleibt.
Und wenn ich auch das Glück haben sollte,
dass mir ein Mensch geschenkt wurde,
durch den ich dies erleben darf,
erfahre ich doch:
Auch er kann nicht immer bei mir sein.
Auch er kann mich nicht immer verstehen.
Auch er kann mir nicht in allem beistehen.
Denn jede menschliche Liebe ist so,
wie wir Menschen nun einmal sind:
endlich und begrenzt.

Da gibt es einen, der verspricht:
Ich schicke euch einen Beistand,
der für immer bei euch bleiben soll.
Ich schicke euch jemanden,
der euch durch und durch kennt
und euch zu eurem wahren Selbst führen wird.
Ich schicke euch einen Beistand,
der nicht nur an eurer Seite sein wird:
Er wird in euch sein.
Er wird euch verbinden mit der Quelle der Liebe.

Wenn ich darauf vertraue,
dass dieses Versprechen Jesu stimmt,
dass er wirklich da ist und in mir bleibt für immer,
der Beistand, der Tröster, der Geist:
Dann darf ich seine verwandelnde Kraft erleben,
die die Not meines Lebens wendet.

Andreas Diederen

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Ja sagen zum Leben - Zum Muttertag
Die Geschichte von Maria und Elisabeth ist eine der schönsten Familiengeschichten in der Bibel. Die Ehe des Zacharias und der Elisabeth stand unter einer grossen Prüfung, denn sie blieb kinderlos. Nicht einmal dem Engel glaubte er, dass sie in ihrem Alter noch ein Kind empfangen dürfen. Doch schliesslich geschieht, was die beiden nicht mehr erwarteten und doch erhofft hatten: Elisabeth wird guter Hoffnung. Maria macht sich auf den Weg zu ihren Verwandten in eine Stadt in den Bergen von Judäa. Sie weiss, dort wird sie gebraucht, dort kann auch sie sich anlehnen bei der, die sie versteht, weil sie Ähnliches erlebt hat. Der Weg ist für Maria beschwerlich, da sie selbst ein Kind erwartet. Ganze drei Monate bleibt Maria bei der betagten Elisabeth, um sie zu unterstützen. In dieser Zeit der «Heimsuchung» wird Johannes der Täufer geboren; ein wundervolles Ja zum Leben, das Gott zugesagt hat.

Jede Mutter kennt das: Das Ja zum Kind wird mitunter auch auf einen Prüfstand gestellt. Das Ja zum in den Dienst genommen werden für andere muss wachsen können und bedarf in all seinen Phasen der Aufmerksamkeit. Dabei hilft das gute Miteinander in der Familie, dass einer des anderen Hand hält mit Zuwendung, Achtsamkeit und Rücksichtnahme. Jeder von uns trägt etwas in sich, das neues Leben werden soll, was als «gute Hoffnung» Raum und Zeit braucht, um wachsen zu können. 

Ist es nicht eine wunderbare Zusage Gottes? Wer das Leben annimmt und der Zusage Gottes vertraut, dessen Leben ist gesegnet ... wie in der Geschichte über die Begegnung der beiden Mütter (Lk 1, 45).

Allen Müttern einen gesegneten Muttertag!

Pfarrei Gersau
Sabine Köhler​​​​​​​

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Jesus – die Gadentür
Zum vierten Sonntag der Osterzeit

Wenn ich das Pfarrhaus verlasse, gehe ich im Treppenhaus am Bild des «Guten Hirten» vorbei. Auch wer sich selbst nicht gerne mit einem Schaf vergleicht, kann das Bild verstehen: Bei Jesus darf ich mich behütet fühlen.
Doch Jesus braucht in seiner langen Rede vom guten Hirten im Johannes-Evangelium auch einen anderen Vergleich für sich selbst: «Ich bin die Tür zu den Schafen». Jesus – die Gadentür?
Er selbst erklärt das Bild so: Wer durch die Tür kommt, kommt in ehrlicher Absicht und meint es gut mit den Schafen. Wer dagegen durch ein Fenster einbricht, ist ein Dieb und hat Böses im Sinn.
Wenn Jesus also die Tür ist, heisst das: Ich soll wie «durch Jesus hindurch» zu anderen Menschen gehen. Ich soll bei jeder Begegnung mit einem anderen Menschen zuerst durch die innere Tür gehen, die Jesus selbst ist. Da passt dann nicht alles hindurch, was ich vielleicht gerade zum anderen mitschleppen wollte: Hass, Neid, Besserwisserei – kurz: alle meine selbstbezogenen Interessen, durch die ich dem anderen gar nicht aufrichtig begegnen kann.
Ich bin mir bewusst, dass ich manchmal auch wie durch ein Fenster bei anderen einbreche. Manchmal kann es aber auch sein, dass ich gar nicht erst zum «Stall» des anderen gehe. Dann verpasse ich nicht nur den anderen Menschen auf der anderen Seite der Tür, sondern zugleich auch die Tür, die uns verbinden würde: die Begegnung mit Jesus.
Gerade in diesen Zeiten, wo wir äusserlich Distanz halten müssen, mag uns Jesus, die Tür, neu ermutigen, den Kontakt zueinander zu suchen.

Diakon Andreas Diederen
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Meditation über Joh 21,1–14 – zum Dritten Sonntag der Osterzeit

Die Jünger sind nach Hause zurückgekehrt, an den See Genezareth.
Sie sind zurückgekehrt in ihren früheren Beruf als Fischer,
in ihr Leben, bevor sie Jesus kennengelernt hatten.
Trauer und Enttäuschung begleiten sie dabei:
Jesus, ihre Hoffnung, wurde gekreuzigt.
Enttäuschung erleben sie aber auch jetzt:
Die Netze nach dem nächtlichen Fischfang bleiben leer.

Jesus wartet am Ufer – die Jünger erkennen ihn nicht.
Aber sie lassen sich auf den Fremden ein.
Er, der sie um etwas zu essen bittet,
macht ihnen Mut, nochmals ganz neu anzufangen.

Da geschieht die Verwandlung:
Das Netz ist voller Fische.
Der Jünger, den Jesus liebte, erkennt den, der ihn liebt.
Petrus erkennt den, der ihm neu vertrauen will.
Jesus braucht nicht auf den Fisch aus dem frischen Fang zu warten:
Er hat schon längst Brot und Fisch auf dem Feuer gebraten
für die müden Jünger.

Wenn ich mich ansprechen lasse
in meiner Müdigkeit, in meiner Enttäuschung, in meiner Traurigkeit;
wenn ich nicht antworte: Es ist ohnehin vergeblich!
Wenn ich es wage, trotz allem neu zu vertrauen:
Dann kann es geschehen, dass sich auch mir alles verwandelt.
Dann kann es sein, dass ich den erkenne,
der schon immer am Ufer all meiner Mühen auf mich wartet
und mich einlädt: Komm her, iss und stärke dich!

Andreas Diederen


Der Link zum Bibeltext:


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«Wir aber dachten …»

Was lastet schwerer auf den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus:
Trauer oder Enttäuschung?
Der, in dessen Nähe sie Zuversicht und Hoffnung erleben durften,
ist nicht mehr.
Und was sie von ihm erhofft hatten, hat sich nicht bewahrheitet:
«Wir aber dachten, dass er es sei, der Israel erlösen werde.»
Der fremde Wegbegleiter versucht ihnen zu zeigen,
dass ihre Sehnsucht nach Befreiung sich gerade so erfüllt hat:
im Leiden und Sterben des Messias.
Aber erst als er da bleibt im anbrechenden Abend
und ihnen seine Nähe schenkt im Brechen des Brotes,
nimmt er ihnen ihre Blindheit,
so dass sie erkennen:
Er lebt!

«Wir aber dachten …»:
Wie viele Menschen müssen in diesen Tagen erleben,
wie ihre Erwartungen und Hoffnungen durchkreuzt werden.
Ob auch mit uns einer mitgeht
und uns geduldig zeigen will,
dass Gottes Pläne immer zur Freiheit und zum Leben führen,
auch wenn es für uns ganz und gar nicht so aussieht?
Ob auch wir auf einmal spüren dürfen:
Wenn es Abend wird und dunkel, bleibt Er doch da?
Ob wir entdecken dürfen, dass Er lebt, wo wir teilen, was da ist?
Wo wir Trauer und Enttäuschung teilen,
wo wir Hoffnung und Sehnsucht teilen,
wo wir das tägliche Brot teilen:
Da lebt Er, der Auferstandene, in unserer Mitte!

Andreas Diederen

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Zur Heiligen Woche

Bilder aus vergangenen Jahren hat Sabine Köhler in ihrem reichen Foto-Archiv gesucht und gefunden – Bilder, die Höhepunkte der Heiligen Woche zeigen. Was mir daran sofort aufgefallen ist: Zwar sind darauf auch die wunderschönen Zeichen zu sehen, mit denen wir den Weg Jesu vom Einzug in Jerusalem zum Abendmahlssaal und weiter nach Golgota hin zum österlichen Licht begleiten: die Palmzweige, die Erinnerung an die Fusswaschung, das enthüllte Kreuz, das Osterfeuer. Aber vor allem sehen wir auf diesen Fotos viele Menschen – Menschen aus unserem Dorf, aus unserer Pfarrei, und auch Menschen, die von anderen Orten zu uns gekommen waren, damit wir Ostern feiern durften. Ich sehe Menschen aus unserem Dorf, die die Gottesdienste mitfeiern, ich sehe die Kinder beim Ministrieren, ich sehe die Priester, die für uns in den vergangenen Jahren da waren …
   Wären mir unter normalen Umständen diese vielen Menschen auch so stark aufgefallen? Ich hätte sie vielleicht wie selbstverständlich wahrgenommen. Aber jetzt, wo wir diese Feiern nicht miteinander werden halten können, ist mein Blick verwandelt. Das Entscheidende an unseren Gottesdiensten sind nicht die äusseren Zeichen, so kostbar und wichtig sie auch sind. Denn es sind ja wir Menschen, die diese Feiern ausmachen: In unserer Gemeinschaft will derjenige da sein, der als Mensch für uns Menschen gelebt hat. In unserem Miteinander will derjenige gegenwärtig werden, der für uns den Tod erlitten hat, um uns aus der Angst um uns selbst und aus der Angst vor dem Tod zu befreien.
   Darum bitte ich Sie sehr herzlich: Auch wenn wir nicht zusammen in sichtbarer Gemeinschaft in der Kirche feiern können, lassen Sie uns die heiligen drei Tage und Ostern dennoch gemeinsam feiern – in innerer Verbundenheit. Beten wir daheim – allein, mit Ehe- oder Lebenspartner, mit der Familie. Beten wir wenn möglich zur selben Zeit, an der wir sonst gemeinsam die Gottesdienste gefeiert hätten (Gründonnerstag 19:00 Uhr, Karfreitag 15:00 Uhr, Osternacht 21:00 Uhr, Ostersonntag 9:30 Uhr). Beten wir im Bewusstsein, dies nicht allein zu tun, sondern verbunden mit allen aus unserer Pfarrei und verbunden mit der ganzen, weltweiten Kirche!
   Für die Feier zu Hause finden Sie auf unserer Homepage Gebetshilfen zum Herunterladen und Ausdrucken. Wir legen Sie Ihnen auch gerne in den Briefkasten – melden Sie sich dazu herzlich gerne im Pfarramt!

Er, der durch die Dunkelheit ins Licht, durch den Tod zum Leben gegangen ist,
Er begleite auch uns durch die Dunkelheit dieser Zeit hin zum Licht,
das uns allen verheissen ist!

Ihr Diakon Andreas Diederen

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Impuls zum 5. Fastensonntag - 29. März 2020
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Als Lehrstück zum Umgang mit Krankheit und zum Umgang mit Tod und Trauer:
So kann man die Erzählung von der Auferweckung des Lazarus lesen,
die wir heute in den Gottesdiensten gehört hätten (Joh 11,1–45).

Die erste, sehr konkrete Lektion zum Umgang mit Krankheit steht gleich zu Beginn:
Die Schwestern des Lazarus, Marta und Maria, «sandten Jesus die Nachricht:
Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank.» (Joh 11,3)
Wie oft geschieht es, dass jemand krank ist und stillschweigend erwartet,
die Seelsorger würden sich bei ihm melden.
Doch woher sollen sie es wissen, wenn niemand sie benachrichtigt?
Als Angehörige oder als Erkrankter den Mut haben, eine Mitteilung zu machen,
so wie Marta und Maria Jesus eine Nachricht sandten:
Darauf sind Seelsorgende angewiesen, wenn sie für Kranke da sein wollen!

Die zweite Lektion:
Marta und Maria zeigen uns, wie unterschiedlich Trauer sein kann,
und Jesus zeigt uns,
wie wir Menschen in Trauer auf unterschiedliche Weise nahe sein können.
«Marta sagte zu Jesus:
Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
Aber auch jetzt weiss ich:
Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.» (Joh 11,21–22)
Marta trauert ruhig und gefasst, voller Gottvertrauen und voller Vertrauen auf Jesus.
Jesus kann daher mit ihr ein Glaubensgespräch führen
und sie so in ihrem Vertrauen weiter stärken und trösten.
Er sagt ihr zu:
«Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
und jeder, der lebt und an mich glaubt,
wird auf ewig nicht sterben.» (Joh 11,25–26)
Anders Maria.
Auch sie sagt zu Jesus wortwörtlich dasselbe wie ihre Schwester Marta:
«Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.» (Joh 11,32)
Aber dabei sinkt sie vor Schmerz Jesus zu Füssen und ist in Tränen aufgelöst.
Keine noch so «richtige» Glaubensaussage könnte Maria jetzt trösten:
Es wäre fromme Vertröstung.
Jesus lässt sich von Marias Schmerz berühren:
«Als Jesus sah, wie sie weinte,
und wie auch die Menschen weinten, die mit ihr gekommen waren,
war er im Innersten erregt und erschüttert.» (Joh 11,33)
Jesus trauert mit: «Da weinte Jesus.» (Joh 11,35)

Einander im richtigen Moment im Glauben stärken
und im richtigen Moment ohne Worte den Schmerz teilen:
Gottes Geist schenke uns dazu das richtige Gespür.

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Zum 25. März – Hochfest der Verkündigung des Herrn

Weihnächtlich ist gerade niemandem zumute:
Die Corona-Welle steigt und steigt,
mit ihr Sorge und Angst um unsere Betagten,
um chronisch Kranke,
um unsere eigenen Angehörigen,
um uns selbst.
Dazu ist draussen Frühling,
auch wenn die Temperaturen nochmals frostig geworden sind.
Weihnachten liegt uns gerade wirklich fern.

Weihnachten ist weit weg – genau neun Monate …
Wenn ein neues Leben beginnt,
erscheint seine Geburt noch weit entfernt.
Noch wird es sogar einige Tage bis Wochen dauern,
ehe die Frau selbst überhaupt bemerkt,
dass sie Mutter wird.

Gegen allen äusseren Augenschein warten
auf den Neuanfang, das neue Leben:
Das heisst es, «in Erwartung» zu sein.

Neun Monate vor Weihnachten feiern wir,
dass Maria schwanger wird:
eine Frau, die warten kann.
Neun Monate vor Weihnachten feiern wir,
dass sie offen ist für das Leben,
offen für den Geist, der sie erfüllen will,
offen für das Kind, das «Rettung» heissen wird:
«Jeschuah».

Ob uns die Stille dieser Zeit hilft,
jenseits unserer Sorgen und Ängste den Engel zu entdecken,
der leise bei uns eintritt,
um auch uns Neues zu verkünden:
Leben und Rettung?

Diakon Andreas Diederen 

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Welchen Sinn hat das alles? – Impuls zum 4. Fastensonntag

Was hat es für einen Sinn, was wir weltweit gerade durchmachen müssen?
Hat es überhaupt einen Sinn?
Macht es überhaupt Sinn, diese Frage zu stellen?

Im Evangelium, das wir heute im Sonntagsgottesdienst gemeinsam gehört hätten,
stellen die Jünger Jesus eine ähnliche Frage
– wenn auch zu einem bei weitem weniger dramatischen Schicksal:
dem Einzelschicksal eines blind geborenen Mannes.
«Rabbi, wer hat gesündigt?
Er selbst oder seine Eltern,
sodass er blind geboren wurde?»

Leid als Strafe für die Sünde?
Die Antwort Jesu ist klar:
«Weder er noch seine Eltern haben gesündigt,
sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.»

Das ist das Einzige, was für mich feststeht:
Die gegenwärtige Pandemie ist keine Strafe Gottes.
Das Virus unterscheidet nicht zwischen Gerechten und Ungerechten,
zwischen Glaubenden und sogenannt Unglaubenden.
Es gilt abgewandelt auch hier, was Jesus sagt:
«Wer erkrankt, tut es nicht, weil er gesündigt hätte.»

Darüber hinaus wage ich nicht zu sagen,
was COVID-19 für einen Sinn haben könnte.
Im Evangelium erweisen sich die als die wahren Blinden,
die alles schon zu wissen meinen:
die Pharisäer, die über Jesus behaupten:
«Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.»
Zu meinen, alles klug deuten zu können – das ist geistige Blindheit.

Aber auch ich halte mich an der Antwort Jesu fest,
der das Schicksal des Blindgeborenen nicht ohne Sinn sein lässt:
«Die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.»
Dass wir selbst im Leid, ja darin vielleicht ausgerechnet besonders stark
etwas Neues entdecken können über Gottes geheimnisvolles Wirken:
Dieser Gedanke weckt in mir mehr Lebenskraft
als die Antwort derer, die mir auch allzu klug und damit blind vorkommt:
dass all das ohnehin keinen Sinn habe.

Welche Werke Gottes unter uns sichtbar werden sollen?
«Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke Gottes tun», sagt Jesus.
Unsere Solidarität mit den Verwundbarsten,
unser inneres Zusammenstehen gerade in der äusserlich gebotenen Distanz,
unser Gebet für die Kranken und für alle,
die im Gesundheitswesen tätig sind,
unsere österliche Hoffnung für die Sterbenden,
unser Beistand für die Trauernden.